Donnerstag, 18. Juni 2009

Das war der 9. Ideen-Salon: Soziokratie

Stell dir vor, du arbeitest in einer Firma und niemand übt Macht über dich aus. Das ist eine Vorstellung, die Isabell Dierkes auf dem 9. Ideen-Salon vermittelt hat. Denn so lautet das Ziel der Soziokratie, die sie als Idee am 17.6.2009 vorgestellt hat.

image Isabell Dierkes ist Leiterin des Soziokratischen Zentrums Deutschland und suchte im Ideen-Salon nach Feedback zu ihren Darstellungen dieser Organisationsform. Ihr Interesse ist es, die Soziokratie bekannter zu machen vor allem als Alternative zu den üblichen autokratischen Strukturen in Unternehmen, Behörden oder Vereinen. Da sich eingefahrene Strukturen jedoch nur schwer verändern lassen (wollen), steht die Soziokratie vor der Herausforderung, sich vielen verschiedenen Zielgruppen möglichst leicht verständlich zu machen und als gewinnbringend darzustellen. Das ist keine leichte Aufgabe. Weltbilder, Terminologien, Verständnisse aktueller Zusammenhänge, persönliche Interessen und Rollenverständnisse rund um das Thema Organisationsführung und -entwicklung sind breit gefächert.

image Nach 45 Minuten theoretischer Einführung in die Soziokratie anhand einiger Grafiken am Flipchart wechselte Isabell Dierkes daher auch die Methode: statt Präsentation und Diskussion stand Lernen durch Erfahrung auf dem Programm. Um den soziokratischen Führungsprozes zumindest zu einem Teil erlebbar zu machen, hatte sie ein Spiel mitgebracht.

Die zentrale Form in einer soziokratisch geführten Organisation ist ein Kreis, d.h. "eine Runde von gleichberechtigten Menschen", die Grundsatzentscheidungen treffen. Sie definieren den Rahmen für das Tagesgeschäft.

Um auch größere Organisationen in dieser Weise "handhabbar" zu machen, kann es mehrere, in einer Hierarchie verzahnte Kreise geben. Den gleichberechtigten Informationsfluss "von oben nach unten" wie aber auch "von unten nach oben" durch diese Hierarchie sichert eine doppelte Verbindung übergeordneter und untergeordneter Kreise zu. Sie schneiden sich sozusagen und die Schnittmenge bilden zwei Organisationsmitglieder, die zu beiden Kreishierarchieebenen gehören.

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Das Spiel konzentrierte sich nun auf einen solchen Kreis. Zu erfahren galt es, wie darin Entscheidungen getroffen werden. Da die Kreismitglieder gleichberechtigt sind (wie auch die Kreise untereinander), können Entscheidungen nicht einfach autokratisch getroffen werden.

Der übliche Konsens in Runden Gleichberechtigter ist laut Soziokratie allerdings auch kein geeigneter Weg. Konsens ist gewöhnlich schwer zu finden, braucht also lange Zeit, die nicht immer vorhanden ist. Und er ist am Ende selten einstimmig, so dass es wieder eine unterliegende Minderheit in einer demokratischen Abstimmung gäbe. Das ist wie ein autokratischer Beschluss unbefriedigend.

image Die Soziokratie setzt daher auf Kosent (mit "t") statt Konsens (mit "s"). Konsent bedeutet: Ein Beschluss ist von einem Kreis gefasst, wenn kein schwerwiegender Einwand mehr dagegen spricht. Schwerwiegend sind Einwände, solange sie auf eine Differenz zwischen dem, was zu beschließen ist, und dem gemeinsamen Ziel des Kreises hinweisen.

Während die Demokratie also möglichst viele Ja-Stimmen sucht, die einen Beschluss unterstützen, hält die Soziokratie nach Nein-Stimmen Ausschau. Das macht Beschlüsse effizienter und am Ende auch fairer.

image Dass das funktioniert, hat das Konsent-Spiel für alle Teilnehmer der Ideen-Salons eindrucksvoll in ca. 90 Minuten bewiesen. Zwei Gruppen bildeten dabei Wohngemeinschaften, mit dem gemeinsamen Ziel eines harmonischen Zusammenlebens. Jede Wohngemeinschaft musste nun Beschlüsse zu einigen Themen fassen, die auf der Tagesordnung ihrer soziokratischen Kreisversammlung standen. Wie soll mit dem einen Parkplatz, der der WG zur Verfügung steht, umgegangen werden? Wie soll man eine Zuwendung von 2000 EUR an die WG verwenden? Wie kann der Gemeinschaftsraum während der Fußball-WM genutzt werden? Alltägliche Fragen, zu denen jeder Teilnehmer und Spieler einen Bezug haben konnte.

Interessant war nun zu sehen, dass die üblichen Konflikte bei solchen Diskussionen nicht aufkamen. Das "Soziokratische Protokoll", nach dem ein Kreisleiter durch die Beschlussfassung führte sowie der Grundsatz des Konsents bewahrten die Spielgruppen zwar nicht in allen Fällen vor längeren Diskussionen - aber die Zufriedenheit mit den Beschlüssen war am Ende sehr hoch. Und statt lauter Streitworte war der Veranstaltungsraum von gelegentlichem Jubel erfüllt. Denn erfolgreich "konsentierte" Vorschläge sollen gefeiert werden, sagt die Soziokratie.

Um den Zweck des Ideen-Salons zu erfüllen, schloss sich an die Spielrunde noch eine ca. einstündige Diskussion an. Die Teilnehmer stellten Fragen zur Soziokratie und gaben - so wie es sein soll - wohlwollendes, aber kritisches Feedback. Spiel und Konsent wurden einhellig als sehr anregend und pragmatisch bewertet. Einige Teilnehmer wünschten sich aber natürlich noch mehr Nähe zu ihrer Unternehmenswelt.

image Die theoretischen Darstellungen zur Soziokratie hingegen erschienen noch verbesserungswürdig. Das ist sicherlich zum einen der knappen Zeit für ihre Darstellung geschuldet - zum anderen bestätigte diese Einschätzung aber auch Eindrücke, die Isabell Dierkes schon andernorts gewonnen hatte. Besonders freute sie sich daher, dass aus dem Teilnehmerkreis sogleich Anregungen für Darstellungsalternativen kamen.

Auch wenn es noch viel zu besprechen gegeben hätte, waren alle Beteiligte nach vier Stunden so voll mit Eindrücken, dass der 9. Ideen-Salon mit einem quasi idealen Ergebnis geschlossen werden konnte: Die Teilnehmer fühlten sich nicht nur angeregt und mit ihrem Feedback wertgeschätzt, sondern durch das Konsent-Spiel auch gut unterhalten. Und Isabell Dierkes konnte einen Stapel Feedbackbögen und Notizen mit vielen Anregungen ihrem Reisegepäck hinzufügen.

Als Ideen-Salon-Organisatoren freuen wir uns besonders, dass der Abend so effektiv verlaufen ist, denn im Vorfeld gab es bedenken, ob sich der Methodenwechsel vor dem Hintergrund eines umfangreichen Themas für alle angenehm und auch nützlich umsetzen ließe. Mit ein wenig mehr Blick auf die Uhr als gewöhnlich war das dann aber kein Problem.

Und wir freuen uns, bei diesem Ideen-Salon eine ganze Reihe Teilnehmer begrüßt zu haben, die das erste Mal dabei waren. Vielen Dank insbesondere an sie für ihr positives Feedback zum Ideen-Salon.

Mehr Informationen zur Soziokratie

Wer sich jetzt weiter über die Soziokratie informieren möchte, der kann das durch Lesen oder Teilnehmen tun: